Hintergrund und Problemstellung

  • Vor dem Hintergrund deutlicher politischer Setzungen für die Erreichung von Klimazielen werden von den Krankenhäusern wirksame Beiträge zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung erwartet. Dazu zählen energetische Gebäudesanierung, Ressourcen sparende Anlagen- und Medizintechnik, Entsorgung und Recycling sowie die Beschaffung nachhaltiger Medizin-produkte. Gleichzeitig kennzeichnen Investitionsstau, Budgetlücken und Kostendruck den Management-Alltag der Krankenhäuser. Spielräume für die Finanzierung von Investitionen in Nachhaltigkeit lassen sich auch Angesichts der Tatsache, dass 60% der Krankenhäuser „rote Zahlen“ schreiben und 20% insolvenzgefährdet sind, nur begrenzt erkennen.
  • Damit hat eine „Grüne Transformation“ im Krankenhausbereich nur dann eine realistische Erfolgsperspektive, wenn Maßnahmen durchgeführt werden, die idealerweise einen Beitrag zur Verringerung des „Carbon Footprint“ leisten, gleichzeitig aber auch die Betriebskosten senken. Darüber hinaus kommt es darauf an, die Lieferketten von vermeidbarer Nachfrage zu entlasten und das Verbrauchsverhalten in den Krankenhäusern im Hinblick auf Ressourcenschonung zu verändern.
  • Das Einkaufsmanagement der Krankenhäuser ist in besonderer Weise gefordert, bei der „grünen Transformation“ aktiv mitzuwirken. Dies gilt aber auch für Einkaufsgemeinschaften, Medizinindustrie und Politik.
  • Gerade in Zeiten zunehmender Staatsverschuldung, spürbarer Lieferabrisse bei Schlüsseltechnologien (Halbleiter, Pharmabasisprodukte, etc.) und zunehmenden geopolitischen Spannungen aufgrund aggressiver staatlicher Strategien zur Rohstoffsicherung, wird deutlich, dass Klimaziele ohne gesellschaftliche Disruptionen nur zu erreichen sind, wenn ökonomische, ökologische und soziale Aspekte bei jedem Eingriff in das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, aber auch auf der Mikro-Ebene des einzelnen Krankenhauses ausgewogen Berücksichtigung finden.

Nachhaltigkeit im Medizinbetrieb

  • Der Medizinbetrieb stellt aufgrund seiner Aufgabenstellung der Patientenversorgung auch im Hinblick auf eine „grüne Transformation“ besondere Anforderungen. Einerseits ist ein Einklang zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Interessen herzustellen, andererseits ist den Aspekten des Patientenwohls und der medizinischen Qualität bei jeder auf Nachhaltigkeit zielenden Maßnahme Rechnung zu tragen.
  • Ökologische Nachhaltigkeit zielt auf eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die die natürlichen Ressourcen nur im Umfang ihrer Erneuerbarkeit belastet. Dies erfordert auf der Wirtschafts- und Gesellschaftsebene ein ordnungspolitisches Anreizsystem, das durch das „Verursachungsprinzip“ sowie das „Prinzip der Internalisierung externer Effekte“ gekennzeichnet ist.
  • Ökonomische Nachhaltigkeit bezeichnet das Bestreben, Entscheidungen zu fällen, die mit einer dauerhaften Finanzierbarkeit verbunden sind und durch die negative volkswirtschaftliche Konsequenzen wie z.B. De-Industrialisierung, Arbeitslosigkeit, Rohstoffabhängigkeit oder steigende Energiekosten vermieden oder zumindest abgemildert werden.
  • Soziale Nachhaltigkeit betrifft die Makro-Ebene von Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Mikro-Ebene der Krankenhäuser. Auf der Makro-Ebene von Wirtschaft und Gesellschaft sind die Auswirkungen ökologisch und ökonomisch motivierter Entscheidungen auf die soziale Situation von Bezugsgruppen und der Gesellschaft insgesamt von Interesse. Der Aspekt der sozialen Spannungen hat eine zentrale Bedeutung bei der Gestaltung des Transformationsprozesses hin zu einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaft und Gesellschaft. Dies betrifft Verzichtsszenarien, die von Teilen der Bevölkerung als Wohlstandsverlust empfunden werden, aber auch der Verlust von Arbeitsplätzen als Folge einer zu hohen Transformationsgeschwindigkeit kann die Einsicht weiter Teile der Gesellschaft in die Notwendigkeit, Klimaziele zu erreichen, deutlich schmälern. Auf der Mikro-Ebene des Krankenhauses sind Sozial-Effekte im Hinblick auf Arbeitsbedingungen (Ausstattung mit Energie verbrauchender Technik und handhabungssicheren, robusten Medizinprodukten) von Belang. Außerdem beeinflussen soziale Aspekte unmittelbar die Patientenpfade, sie wirken in die medizinischen Versorgungsstrukturen hinein (Gemeindeeffekt) und betreffen Einflüsse auf die Versorgungsqualität (Zugang zum System, Verfügbarkeit, Erreichbarkeit).
  • Medizinische Qualität kann mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit in Konflikt stehen. Dies betrifft die Notwendigkeit des Vorhaltens sicherer, schonender und effektiver Prozeduren und der dafür notwendigen technischen Infrastrukturen und Medizinprodukte. Auch wenn diese Ausstattungsstrukturen mit Ressourcen- und Energieverbrauch verbunden sind, müssen sie im Patienteninteresse vorgehalten werden, auch wenn dadurch wünschenswerte Nachhaltigkeitseffekte vorübergehend nicht realisierbar sind.
  • Patientenwohl: Letztlich ist jede Maßnahme zur Reduktion des CO2-Ausstosses, der Ressourcenschonung und der Vermeidung von Verschwendung auf den Prüfstand ihrer Wirkungen auf das Patientenwohl, insbesondere der medizinischen Effektivität sowie der Patientensicherheit zu stellen. Hier reicht das Einfluss-Spektrum von möglicher Strahlenbelastung, über die Verwendung von Einwegprodukten bis hin zu hohem Energieverbrauch für High-Tech-Geräte, die für präzise Diagnosen und effektive Therapien unverzichtbar sind.
  • Die Erkenntnis: Klimaneutrales Wirtschaften und ressourcenschonendes Verbrauchsverhalten lassen sich nur über einen Transformationsprozess erreichen, der einerseits mit überzeugenden Maßnahmen sowie konkreten Ergebnissen aufwartet, aber andererseits immer die Ausgewogenheit der fünf beschriebenen Aspekte im Blick hat. Das gilt insbesondere als Orientierung für das Beschaffungsmanagement auf Krankenhaus-Ebene.

Abbildung: Handlungsschwerpunkte und Entscheidungsprinzipien einer nachhaltigen Führung des Krankenhausbetriebs (Quelle: von Eiff AKS/von Eiff W 2023).

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